Schule darf kein Vorrecht der Eliten sein
Es ist schon erstaunlich, mit welcher Vehemenz und Effizienz die hiesigen Eliten ihre Privilegien verteidigen, selbst wenn diese aus dem 19. Jahrhundert, aus vordemokratischer Zeit, stammen.
Gemeint ist das dreigliedrige Schulsystem, das seinerzeit der Sichtweise von einer dreiklassigen Gesellschaft entsprach und zu deren Festigung geschaffen wurde. Es erfült auch heute noch seinen Zweck, und wird deshalb von der Elite verteidigt, koste es, was es wolle.
Auch wenn die Menschen inzwischen vor der Wahlurne und bedingt vor den Gerichten gleich sind, sind sie es vor den Lehrern, und zunehmend vor den Ärzten noch lange nicht.
Die herrschenden Eliten verhindern nach wie vor erfolgreich, dass die Schulen demokratischer werden. Zuletzt
geschehen in Hamburg, als der Versuch eines längeren gemeinsamen Lernens ‘erfolgreich’ abgewiesen wurde (die mangelnde Beteiligung an der Volksabstimmung in ‘ärmeren’ Vierteln ist auch ein Ergebnis der herrschenden Bildungspolitik! d.Tippse).
In Niedersachsen soll es ebenfalls kein ‘Mehr’ an gemeinsamem Lernen geben. Zu offensichtlich ist die angestrebte ‘Oberschule’ eine Mogelpackung. Mit ihr wird die Dreiklassenschule nur verlagert, verschleiert. Dabei ist der Versuch der Vernebelung so offensichtlich, dass es verwundert, wenn von einer Reform gesprochen wird.
Die „Oberschule“ ist eine Worthülse, ein „Werbebegriff“ für eine neue Haupt- oder Volksschule. Die bisherige Hauptschule, von den Eltern abgewählt, mangels Anmeldungen nicht mehr eigenständig zu organisieren, wird Teil der bisherigen Realschule, durchaus noch gut erkennbar. Lediglich in den Fächern Sport, Musik, Kunst und Religion lernt man gemeinsam. Die Schüler turnen, singen, malen und glauben zusammen. In den Kernbereichen bleibt man dagegen unter sich. Da darf nicht mit den „Schmuddelkindern“ gelernt werden.
Wo käme man denn da hin?
Ja, wo käme man denn hin?
Nun, selbst die OECD, linker und antiliberaler Umtriebe nicht gerade verdächtig, bescheinigt diesem Schulsystem in erstaunlicher Regelmäßigkeit Ineffizienz. Selbst in dem Bereich, den die OECD misst, der sich auf die Verwendbarkeit im Arbeitsprozess beschränkt, schneiden die deutschen 15-16jährigen im internationalen Vergleich schlecht ab.
Diese „Pisa“- genannten Studien zeigen, dass die Staaten mit integrativen Systemen weit effizienter sind, als die mit sortierendem Systemen, auch wenn es in den Naturwissenschaften und in der Mathematik geringe Fortschritte gibt, bleibt doch die Fachkompetenz Lesen nach wie vor sehr schlecht.
Dabei zeigt eine andere Studie an Grundschülern (9-10jährige), IGLU genannt – und ebenfalls von der OECD gemacht, dass die deutschen Grundschüler nicht genetisch bedingt dümmer sind (Sarrazin). In dieser Studie liegen zwar auch die Skandiniavier vorn, sie individualisieren und fördern noch intensiver als die Grundschullehrer hierzulande, aber die Differenz ist viel geringer. Unsere Grundschüler liegen hier im ersten Drittel, auch beim Lesen und nicht wie bei Pisa im
hinteren Mittelfeld.
Zwei Beobachtungen sind dabei erstaunlich:
Zum einen werden die IGLU Studien hierzulande medial kaum erwähnt, wurden auch nicht wiederholt.
Sie passten nicht in die Vorstellungen der Eliten: Wegen der integrativen Möglichkeiten muss die Grundschule weg
Dabei interessiert es überhaupt nicht, dass diese Studie eindeutig belegt, dass ein integratives System, sehr wohl erfolgreich sein kann:
Die deutschen Kinder sind 9-10jährig – so die Ergebnisse – fast genauso gut, wie die Skandinavier; 5-6 Jahre später sind die Ergebnisse für die Deutschen sehr viel ungünstiger.
Offensichtlich schadet die Schülersortiererei der Leistungsfähigkeit der Schüler allgemein, das fällt auch der OECD regelmäßig auf, denn sie bemängelt, dass in keinem untersuchten Land die Höhe der Leistungen so sehr von der sozialen Herkunft abhängt wie hier zu Lande.
Dashalb kann nur mehr gemeinsames Lernen hier Abhilfe schaffen. Deshalb wird „Die Linke“ nur solchenVeränderungen in der Bildungsstruktur zustimmen, die dies ermöglichen. Dies wären flächendeckende integrative Gesamtschulen. Die „Oberschule“ ist nur ein PR-Gag, um das alte, das „dreiklassige“ Schulsystem zu verschleiern. In Wahrheit soll nichts verbessert, sondern Chancengleichheit verhindert werden.
Inzwischen haben selbst die CDU-Kreisverbände dies erkannt. Es gibt immer mehr Forderungen,
die restriktiven Auflagen für die Gründungen von Gesamtschulen aufzuheben.
(JGS müssen fünzgig sein. Prognostiziert auf 10 Jahre. KGS müssen im Gymnasialbereich
mindestens 54 Schüler haben, also zweizügig sein.) Wir, die Linke, haben Verständnis dafür, dass die Kommunalparlamente darum kämpfen, überhaupt eine Schule im ländlichen Raum zu behalten. Denn mit dem Verlust einer Schule verarmen die ländlichen Gemeinden noch mehr, wird dieser Raum noch mehr abgehängt. So gesehen haben diese, als Kirchturmpolitik diffamierte Forderungen auf jeden Fall ihre Berechtigung. Auch die Schulen sollten im Dorf bleiben.
Aber die „Oberschule“ wird von den Linken aus einem anderen Grund abgelehnt:
Es wird befürchtet – und erste Entwürfe aus der Landesregierung bestätigen diese Furcht, dass die
Schule noch mehr kommerzialisiert wird, die Lehrpläne noch mehr auf die aktuellen Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtet werden. So sollen die Lehrpläne der letzten beiden Schuljahre auf „Berufsfelder“ ausgerichtet werden.
Das Ziel „Bildung als Befähigung zur Teilhabe an gesellschaftlichem Leben“ wird dadurch noch weiter zurückgedrängt.
Wenn der originäre Anspruch eines jeden Menschen auf Bildung auf die Kapitalinteressen der neoliberalen Marktkräfte zurechtgestutzt wird und als Maßstab für den schulischen Erfolg gelten soll, stellt man sich auf eine Stufe mit Herrn Sarrazin, der Menschen nur als „Humankapital“ zu begreifen in der Lage ist.
Dafür darf sich aber die Schule in ihren Zielen nicht hergeben. Es wäre nach der systematischen Zerstörung der Arbeitnehmerrechte durch die Schröder- und Merkel- Regierungen ein weiterer gesellschaftlicher Rückschritt mit katastrophalen Folgen.
Die LINKE hält an ihrer Auffassung fest: Menschen sind mehr als nur Kostenfaktoren. Und zwar alle Menschen, und nicht nur die Mitglieder der Eliten.
Falls Sarrazin befürchtet hat, dass sich diese Eliten durch ihre geringe „Fruchtbarkeit“ selbst abschaffen, so sei es drum.