offener Brief an den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden:
Sehr geehrter Herr Graumann,
bekanntlich ist der Vertrag über die Nichtverbreitung von Atomwaffen Basis für die sogenannte “friedliche” Nutzung der Atomenergie ein Ergebnis der Hochrüstung der Atommächte, vor der die internationale Friedensbewegung bereits in den Fünfziger Jahren auf Ostermärschen warnte. Da die Welt nicht friedlicher geworden ist, wird diese Tradition fortgesetzt. Ostern steht im Zeichen des Friedens. Der Iran ist Vertragsunterzeichner und nach allem, was trotz gegenteiliger Propaganda berichtet wird, verhält er sich nach Einschätzung der US-Geheimdienste vertragskonform. Bestandteil des Vertrags ist die Anreicherung von Uran 235 zur Herstellung von Brennelementen als Voraussetzung zum Betrieb nuklearer Reaktoren. Obwohl selbst Atomwaffenstaat, versucht die israelische Regierung die Weltöffentlichkeit so zu manipulieren, daß dem Iran bereits die Anreicherung von U 235 verboten werden soll. Das ist nach dem Prinzip der doppelten Maßstäbe ein Akt des offenen Vertragsbruchs.
Israel ist kein Vertragsunterzeichner, besitzt aber mehr als 100 Atomwaffen einschließlich der erforderlichen Trägersysteme, wie von Deutschland gelieferter U-Boote, die heimlich mit 650-mm Rohren für den Abschuß von Atomwaffen ausgerüstet worden sind. Die letzten Interventionen der israelischen Regierung in den USA standen unter dem Zeichen eines geplanten israelischen Präventivkriegs gegen den Iran. Bekanntlich sind Präventivkriege völkerrechtlich verboten; nach deutschem Recht ist es auch der Aufruf zu Kriegen.
Wenn Günter Graß jetzt die aggressive Politik Israels einer längst überfälligen Kritik unterzieht, macht er nichts anderes, als die Argumente der Friedensbewegung aufzunehmen, die seit Jahren auf den Ostermärschen vorgetragen werden. Wie Ihnen sicher bekannt sein wird, hat sich G.Graß bereits 1983 aktiv am Widerstand gegen US-Atomwaffen in Mutlangen beteiligt. Wie jetzt in der Presse zu lesen ist, haben Sie, Herr Graumann, G. Graß vorgeworfen, die Tatsachen zu verdrehen, da nicht Israel, sondern der Iran den Frieden gefährde. Das ist Orwell’scher Neusprech. Denn seit wann ist der Staat mit dem atomaren Drohpotential, den Landräubern, die “Siedler” genannt werden, der sich in einer 9m-Mauer einigelt, die “Zaun” genannt wird (Micha Brumlik), friedlich, der atomare Habenichts unfriedlich? Ein Staat, der permanent seine Nachbarn bedroht, ist unfriedlich. Ein Staat, der einen Nachbarstaat mit einem nuklearen Erstschlag bedroht, gefährdet den Weltfrieden. Das zu sagen, ist weder neu, noch Agitation oder antisemitisch. Es ist Fakt. Eine simple Wahrheit, die nicht mehr benannt werden darf? Ich darf Sie an Brecht erinnern, dessen Satz vom Umgang mit der Wahrheit aktueller denn je ist, denn es geht um eine Kleinigkeit wie einen Atomkrieg. Der Hintergrund der wütenden Reaktion auf den Graß-Apell scheint mir aber ein ganz anderer – fordert er doch die internationale Kontrolle des israelischen Atomwaffenarsenal. Das ist nicht nur vernünftig, sondern auch zwingend. Seit wann ist Vernunft irrational?
Gegenüber dpa haben Sie das Graß-Gedicht als “aggressives Pamphlet der Agitation” bezeichnet. Wenn Sie so mit Kritik umgehen, nutzen Sie Ihre Möglichkeiten nicht, friedensbildend zu wirken. Das ist nicht nur kontraproduktiv, sondern auch kaum im Sinne friedlicher Israelis. Denn wer Kritik unterdrückt, begibt sich der Option der Korrektur einer fehlgeleiteten Politik. Das betrifft auch Deutschland, dessen Gesetze den Waffenexport in Spannungsgebiete verbieten. Sie würden sich um den Frieden verdient machen, indem Sie sich der Forderung der Friedensbewegung nach umfassender Kontrolle des israelischen Atomwaffenpotentials, des Verbots des Landraubs, der Definition unantastbarer Landgrenzen anschließen. Sie würden sich um den Frieden verdient machen, auf die deutsche Regierung einzuwirken, den Export weiterer deutscher U-Boote an Israel zu unterbinden. Wenn Sie sich nicht länger als Büttel der aggressiven israelischen Politik mißbrauchen lassen, würden Sie der Welt ein Friedenssignal geben,
Frieden braucht Mut, Krieg kostet Leben.
Ich hoffe auf Ihren Mut und wünsche Ihnen Frieden.
Günter Dittmann